Ansprache zum Volkstrauertag 2008
Bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag am 16.November 2008 hielt CDU-Stadträtin Cornelia Bambini-Adam die Ansprache.
Steht noch dahin
Ob wir davon kommen ohne gefoltert zu werden,
ob wir eines natürlichen Todes sterben,
ob wir nicht wieder hungern,
die Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen,
ob wir getrieben werden in Rudeln,
wir haben´s gesehen.
Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen,
den Nächsten belauern,
vom Nächsten belauert werden,
und bei dem Wort Freiheit weinen müssen.
Ob wir uns fortstehlen auf ein weißes Bett
oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz,
ob wir es fertig bringen mit einer Hoffnung zu sterben,
steht noch dahin,
steht alles noch dahin.
Marie Luise Kaschnitz
Verehrte Damen und Herren,
am heutigen Tag, dem Volkstrauertag, versammeln und sammeln wir uns hier wie jedes Jahr zum stillen Gedenken an die Verstorbenen von Krieg und Gewaltherrschaft.
Wir denken an die zahllosen Opfer der beiden Weltkriege, an die Opfer sinnloser Machtkämpfe und mit Waffen ausgetragener Konflikte.
Wir denken an die Menschen, die auf der Flucht und bei der Vertreibung aus ihrer Heimat ihr Leben verloren.
Wir denken an die Menschen, die Widerstand leisteten, die aufgrund ihrer Überzeugung und ihres Glaubens getötet wurden.
Wir trauern um die Menschen, die ihr Leben nicht leben durften, Frauen, Männer und Kinder, die zu früh den Tod fanden.
Dieser Tag gehört der Erinnerung. Er gehört damit auch jenen, die sich erinnern können, die sich erinnern müssen.
Deshalb lassen Sie uns heute auch an diejenigen denken, die überlebten, die davon kamen, an die Hinterbliebenen.
Wir denken an alle, die lernen mussten, mit dem Schmerz des Erlebten und mit tragischen Verlusten weiter zu leben.
Die lernen mussten, mit den schrecklichen Bildern und den grausamen Erfahrungen umzugehen.
Die sich maßloser Angst und lähmender Hilflosigkeit ausgesetzt sahen. Die einen Weg finden mussten, trotz der entstandenen Leere und einer tief empfundenen Sinnlosigkeit weiterzumachen.
Es ist kaum nachzuspüren, wie viel Kraft und Mut, wie viel Glaube und Hoffnung dazu nötig waren.
Wir befinden uns gerade in einem Prozess des Generationenwechsels. Die deutsche Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (die von 1901 bis 1974 lebte) stand unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse, doch die Menschen der Generation, die einen der beiden Kriege mit durchleben mussten, eben die Menschen, die sich erinnern können, sie werden von Jahr zu Jahr weniger.
Für viele von uns steht es heute glücklicherweise noch dahin. Und hoffentlich werden wir, unsere Kinder, unsere Enkel und unsere nachfolgenden Generationen diese grausamen Erfahrungen nie machen müssen.
Dieser Generationenwechsel ist der Grund, weshalb die Bedeutung des heutigen Tages immer mehr zunimmt. Der Volkstrauertag ist wichtig, ja er ist notwendig, als Tag gegen das Vergessen, als Tag des Innehaltens und der Rückschau, als Tag, an dem wir es zulassen sollten, dem Schmerz nachzuspüren, den Gewaltakte hinterlassen.
Wichtig ist der Volkstrauertag aber auch als Mahnung und als Perspektive. Als Auftrag für uns, zu erkennen, welchen Beitrag wir - jeder einzelne von uns - leisten kann zur Versöhnung, zur Verständigung, zur Toleranz und zum Frieden.
Ich selbst gehöre einer Generation an, die ihr Wissen aus wenigen Erzählungen und ansonsten aus Geschichtsbüchern hat. Der erste Weltkrieg liegt 90, der zweite Weltkrieg über 60 Jahre zurück.
Als der erste Weltkrieg begann, war mein Großvater Anfang zwanzig. Er überlebte und kehrte verletzt aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Meine Mutter war 19 Jahre alt, als der zweite Weltkrieg nicht nur ihr Elternhaus, sondern auch ihr Leben zertrümmert zurück ließ. Ihre Mutter, ihre Schwester, ihr Bruder, ihre Großmutter, eine Tante und ein Onkel kamen bei einem Bombenangriff ums Leben. Eine schmerzende Erinnerung, die auch heute nach 64 Jahren noch den Weg in manchen nächtlichen Albtraum findet.
Als ich im gleichen Alter war, stand das Bemühen um Frieden im Mittelpunkt des politischen Geschehens. Diskussionen um den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen gingen durch die Presse, wurden in Kabinettsrunden, aber auch in Wohnzimmern und an Küchentischen beraten. Für uns als Jugendliche im Vordergrund stand dabei das Beenden des Wettrüstens, die Abrüstung und der Ruf nach Frieden.
Wir waren tatsächlich bewegt vom Frieden und begeistert darüber, dass Hunderttausende dies bei den Friedensdemonstrationen in Bonn zum Ausdruck brachten. Und - ein Zeichen der Jugend – wir waren idealistisch, viele von uns waren aus tiefsten Herzen überzeugt, dass Weltfrieden machbar ist, machbar sein muss.
Die Realität – wir wissen es alle nur allzu gut - ist leider eine andere. Über den ganzen Erdball verteilt gibt es zahlreiche Krisengebiete, Kriege und terroristische Anschläge, die ideologisch oder religiös begründet werden.
Es gibt unzählige Verfolgte und Flüchtlinge. Derzeit ist allein die Bundeswehr mit rund 6600 Soldaten und Soldatinnen an Auslandseinsätzen beteiligt. Auch dort gibt es Verletzte und Tote, gibt es Belastungen und Bilder, die verarbeitet sein wollen.
Weltweit werden gegenwärtig mehr als 30 Kriege geführt.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo auf dieser Welt vertrieben, geschossen, gefoltert und getötet wird.
Darum lassen Sie uns heute ebenfalls an die Opfer dieser aktuellen Kriegshandlungen und Gewaltakte in aller Welt denken und in unser Gedenken die Bundeswehrsoldaten und zivilen Einsatzkräfte, die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind, einschließen.
In Deutschland leben wir seit mehr als 60 Jahren in Frieden. Das müssen wir uns heute am Volkstrauertag in Erinnerung, in das Bewusstsein rufen und alles dafür tun, dieses nicht selbstverständliche Gut der kommenden Generation, unseren Kindern mit auf den Weg zu geben. Dazu sollten wir sie stärken, in ihrem Idealismus, in ihrer Offenheit und Toleranz. Wir sollten Vorbild sein, deutlich machen, wie wichtig der Respekt vor dem Anderen und das friedliche Miteinander sind.
Durch unsere heutige Gedenkstunde werden wir die Welt im Großen nicht verändern. Aber doch legen wir, durch das Gedenken an die Opfer von damals, alljährlich einen kleinen Baustein für das Fundament des Friedens dazu.
Durch die Erinnerung an die Opfer, die Krieg und Gewalt in der Geschichte gefordert haben und noch heute fordern, können wir uns unserer Verantwortung bewusst werden.
Der Volkstrauertag schärft den Sinn dafür, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, dass es im Gegenteil unerlässlich ist, Recht, Frieden und Freiheit immer wieder aufs Neue einzufordern.
Und bei aller Trauer, die wir heute hier empfingen und zum Ausdruck bringen, lassen Sie die Hoffnung und den Frieden mit uns und in uns sein.
Cornelia Bambini-Adam
16.November 2008